Das Gymnasium in Twistringen trägt seit 2009 das Prädikat „Internationale Umweltschule in Europa“. Was Schüler dort in Fahrrad- und Koch-AGs selbst in die Hand nehmen, überrascht.
Twistringen – Ein Fahrrad, das nicht mehr richtig fährt, landet schnell in der Ecke. Am Hildegard-von-Bingen-Gymnasium in Twistringen wird es dagegen auseinandergenommen, repariert und wieder auf Vordermann gebracht. Die Schüler sollen dabei nicht nur praktische Fähigkeiten erwerben, sondern auch lernen, Verantwortung zu übernehmen und bewusster mit Ressourcen umzugehen. Für dieses Engagement ist die Schule erneut mit dem Prädikat „Internationale Nachhaltigkeitsschule/Umweltschule in Europa“ ausgezeichnet worden – zum achten Mal seit 2009.
Hinter der Auszeichnung steckt ein mehrjähriger Prozess. Alle zwei Jahre legt die Schule fest, an welchen der 17 globalen Klimaziele der Vereinten Nationen sie arbeiten möchte. Für den aktuellen Projektzeitraum von 2025 bis 2026 sind dies nachhaltige Mobilität und nachhaltiger Konsum. Dazu entwickelt sie konkrete Ziele und setzt passende Projekte um. Anschließend muss dokumentiert werden, was sie unternommen und welche Ergebnisse sie erreicht hat. Entscheidend ist dabei, dass Nachhaltigkeit nicht nur auf dem Papier steht: Die komplette Schulgemeinschaft soll beteiligt werden und eigene Ideen einbringen können. Die Projekte sollen sich zudem langfristig im Schulalltag verankern lassen.
Französisch- und Biologielehrerin Nicola Diedrich koordiniert den Ablauf und begleitet die Bewerbungsprozesse. Dass die Schule bereits zum achten Mal ausgezeichnet wird, liegt aus ihrer Sicht daran, „dass bestehende Ansätze weiterentwickelt und neue Vorhaben angestoßen werden. Zudem geht es natürlich nicht ohne das Engagement der Kollegen“, betont sie.
Wie die Schüler selbst aktiv werden, zeigt die Fahrrad-AG von Lehrer Clas Hörmann. Entstanden ist sie aus einer ganz praktischen Überlegung: „Wenn wir zu Exkursionen oder Veranstaltungen außerhalb des Gebäudes fahren, muss man nicht immer mit dem Bus hinfahren. Die Schüler können auch gemeinsam mit dem Fahrrad unterwegs sein“, erklärt Hörmann. Inzwischen kümmern sich etwa zehn Schüler um rund 20 Fahrräder, die der Schulförderverein unter anderem für Kinder ohne eigenes Rad angeschafft hat. Helme und Werkzeug gehören ebenfalls zur Ausstattung. „Dementsprechend gilt an dieser Stelle ein großer Dank an den Förderverein, in dem sich zahlreiche Eltern seit vielen Jahren tatkräftig engagieren“, betont Schulleiter Peter Schwarze.
Hörmann geht es aber nicht nur ums Fahrradfahren: „Die Kinder sind heutzutage kaum noch draußen“, sagt er. Die AG soll ihnen deshalb auch praktische Fähigkeiten vermitteln und dazu beitragen, technische Zusammenhänge zu verstehen und den Wert eines Fahrrads kennenzulernen. Während manche vor allem fahren wollen, tüfteln andere lieber an komplizierten Reparaturen. Neben handwerklichem Geschick sollen zudem Organisation und Verantwortungsbewusstsein nicht zu kurz kommen. Hörmann selbst sieht die AG auch dadurch als großen Gewinn, dass er „die Schüler von ganz anderen Seiten kennenlernen“ kann. Besonders freut ihn, wenn sie aus eigenem Antrieb Aufgaben übernehmen. „Das sind die Sternstunden“, sagt er.
Für ein zukünftiges Projekt haben sich die Twistringer von der Alexanderschule in Wallenhorst im Landkreis Osnabrück inspirieren lassen. Bei einem Besuch lernten sie einen selbst gebauten Fahrradanhänger kennen, der bis zu 150 Kilogramm transportieren kann. Nun möchte man in einem dreitägigen Workshop daran anknüpfen. „Die Jungs haben einfach Lust aufs Schlossern“, sagt Hörmann.
In der Schulküche werden ebenfalls praktische Erfahrungen mit nachhaltigem Konsum verbunden. Lehrer Michael Fischer engagiert sich für das Angebot, das es seit etwa drei Jahren gibt. In Koch- und Back-AGs lernen die Schüler, Lebensmittel zuzubereiten und bewusster mit ihnen umzugehen. Zutaten kommen teilweise aus dem Schulgarten. Über das vom Land Niedersachsen geförderte Schulobstprojekt erhält die Schule zudem Obst, Gemüse und Milch. Vor allem jüngere Schüler nutzen die Angebote.
Nachhaltig arbeiten
„Eine eigene Küche ist an einem Gymnasium keine Selbstverständlichkeit, zumal es keinen regulären Hauswirtschaftsunterricht gibt“, betont Schwarze. Möglich wurde das wie auch die Fahrrad-AG durch den Förderverein.
Vom Schulgarten auf den Teller: In dieser Küche lernen die Schüler einen bewussten Umgang mit Lebensmitteln. © Leon Moor
Neben Recycling, Strom- und Wassersparen sowie Artenvielfalt gehören auch eigene Bienen zur Nachhaltigkeitsarbeit. Ein ehemaliger Schüler kümmert sich weiter um sie. Für die Zukunft sind laut Diedrich unter anderem Pflanzaktionen, demokratische Beteiligungsprojekte und eine Untersuchung des Energie- und Wasserverbrauchs gemeinsam mit der Stadt Twistringen angedacht. Die Auszeichnung ist damit nicht nur eine Anerkennung für bereits umgesetzte Projekte. Sie soll auch Ansporn sein, Nachhaltigkeit im Schulalltag weiterzuentwickeln – und Schüler immer wieder dazu zu ermutigen, selbst aktiv zu werden.
https://www.kreiszeitung.de/lokales/diepholz/twistringen-ort47316/zum-achten-mal-hildegard-von-bingen-gymnasium-als-umweltschule-ausgezeichnet-94562899.html (alle Fotos in diesem Beitrag: © Leon Moor)